Wie mobil ist Berlin?

Die wachsende Stadt Berlin produziert immer mehr Autoverkehr. Nicht nur Parkplätze werden zur Mangelware, auch freie Ladesäulen für E-Autos sind knapp. Besser ganz aufs Auto verzichten? Manch Alternative hat auch seine Schattenseite.

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Von Björn Graas

Staus auf der Stadtautobahn, endlose Suche nach Parkplätzen - für viele Berliner ist es ein gewohntes Bild, nicht nur im Berufsverkehr. Carsharing und andere Transport-Alternativen können ein Ausweg sein, um Kosten und Nerven zu sparen. Nirgendwo in Deutschland sei man so wenig auf ein eigenes Auto angewiesen wie in Berlin, sagte Verkehrsexperte Philipp Kosok vom Verkehrsclub Deutschland. „Viele Autofahrten sind sehr kurz oder verlaufen entlang von sehr gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossenen Hauptachsen.“ Daher habe sich Berlin zum Zentrum für neue Mobilitätsformen entwickelt.

Der Markt für klassische Mietwagen in der Hauptstadt sei inzwischen mit rund 3000 Fahrzeugen gut abgedeckt. In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Flotte nur noch um 63 Autos geringfügig erhöht, wie der Bundesverband Carsharing im Dezember mitteilte.

Für Elektro-Autos stehen laut Bundesverband E-Mobilität (BEM) rund 500 Ladepunkte im Großraum Berlin zur Verfügung. Allerdings sind die stadteigenen Ladepunkte verhältnismäßig teuer. „Hier werden mehr als 35 Cent pro Kilowattstunde verlangt“, kritisiert Andreas Knie von Berliner Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ). Deutlich günstiger sei es an Ladestationen großer Supermarktketten wie etwa Rewe oder Edeka. Manche Märkte erlaubten ihren Kunden sogar kostenloses Aufladen.

Zugeparkte Ladepunkte

Erst im Oktober hatte der Carsharing-Anbieter Multicity aufgegeben. Der Citroën-Ableger verabschiedete sich nach fünf Jahren unter Vorwürfen an den Senat aus Berlin: Die Stadt tue zu wenig für mehr Ladesäulen, bestehende Ladepunkte seien oft zugeparkt. Von den zuletzt 330 Multicity-Autos hatten 230 einen E-Motor. Die mit jeweils mehr als 1000 Wagen größten Carsharing-Anbieter in Berlin Car2go (Daimler) und DriveNow (BMW) fahren dagegen überwiegend mit Verbrennungsmotor.

Auch Miet-Fahrräder und Fahrzeuge mit Elektroantrieb wie E-Scooter liegen laut Kosok im Trend. Er betont jedoch: „Sie dienen als Ergänzung der Mobilität. Hauptverkehrsmittel sind für diese Menschen meist der ÖPNV“ - also Busse und Bahnen.

Allein der Anbieter Emmy Sharing verfügt nach eigenen Angaben im Winter über rund 400 Roller in Berlin, im Sommer sind es sogar 800.

Für Elektrofahrzeuge interessieren sich in Berlin nicht nur junge, technikbegeisterte Menschen. „Es sind hauptsächlich Leute, die mitten im Leben stehen. Die Spanne reicht von Anfang 30 bis hin zu 65-jährigen. Sie kommen aus allen sozialen Schichten, vom Arbeiter bis hin zum Rechtsanwalt“, erklärt Marcel Hutfilz, Gründer der „Scooterhelden“ Berlin in Schöneberg.

Der Experte für E-Mobilität hat sich vor rund vier Jahren selbständig gemacht mit Laden, Verleih und Werkstatt für Elekro-Roller und futuristisch anmutende Vehikel wie E-Skateboards und Einrädern mit Akku-Betrieb. Auf viele Menschen wirkt sowas noch exotisch, Hutfilz sieht jedoch einen Wachstumsmarkt. Pro 100 gefahrener Kilometer fielen nur Energiekosten von rund 50 Cent an - kein Vergleich zu den Spritkosten bei Autos mit Verbrennungsmotor. Notwendig seien aber noch Erleichterungen bei der Zulassung.

Ein weiterer Trend sind Lastenräder. „Junge Eltern, die morgens ihre Kinder mit den Transportern zur Kita fahren gehören längst ebenso zum Stadtbild wie Lieferdienste oder Handwerker, die dank Lastenrad weder Parkplatz- noch Stauprobleme haben“, sagte ein Sprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs in Berlin. Die großen Sharing-Anbieter wie Lidlbike oder Nextbike hätten diese Fahrradtypen jedoch noch nicht im Angebot. Hier bestehe Nachbesserungsbedarf.

Der Verleih habe jedoch auch seine Schattenseiten. „Wichtig ist, dass kommerzielle Anbieter den öffentlichen Raum nicht unkontrolliert für ihr Geschäftsmodell nutzen. Leihräder und
-roller stehen immer wieder Fußgängern im Weg. Leihautos besetzen kostenlos öffentliche Parkplätze“. Vom Senat wünsche sich der ADFC daher ein schlüssiges Konzept, wo solche Fahrzeuge abgestellt werden können.

(dpa)